Rumsbums. Da stehe ich also mitten im Speisesaal des Vier-Sterne-Ressorts, das Kultamupsi, mittlerweile fast sieben Monate alt, vor meine Brust geschnallt. Die Kaiserin sitzt in der Karre. Die Laune von Ihro Gnaden schwankt stark in den letzten Wochen. Teilweise fühlt es sich an, als wäre mir mein eigenes Kind fremd geworden.
Bevor wir unsere Zelte hier abbrechen, wollten sie plötzlich alle kommen: Cousinen, Nichten, Verflossene, Bekannte, Schulfreunde und Kollegen. So waren die letzten Wochen vor unserem Umzug ein stetes Kommen und Gehen von mehr oder weniger vertrauten Menschen mit und ohne Kindern.

„Ich bin alleine mit den Babies und brauche Hilfe.“

Als Gruß aus deutschen Kitas hat man uns nicht nur selbstgefilzte Bälle und Häkellätzchen hinterlassen, sondern auch das neueste Viren-Update. Aus Manduca und Karre krächzt und ächzt es. Ich selbst unterdrücke krampfhaft den nächsten Husten-Anfall. Den Schein bitte noch einen Moment wahren. Aber machen wir uns nichts vor: Wir pfeifen hier auf dem letzten Loch.

„Ich bin alleine mit den Babies und brauche Hilfe.“ Soweit reicht mein Spanisch nach einem Jahr mal so gerade eben. Wobei die Übersetzung nicht ganz stimmt. Eigentlich bedeutet der Satz so viel wie: „Ich bin ledig mit den Babies …“ – im Sinne von alleinstehend. Soweit wär’s auch beinahe gewesen. Mehrmals in den letzten Wochen. Ich frage mich, wie leicht mir der Satz jetzt von den Lippen ginge, wenn wir am Samstag nicht „zum Papa“ nach München flögen, sondern alleine nach Hamburg zurückkehrten. Bei dem Gedanken kriege ich feuchte Augen.

So bleibt mein Urlaub als alleinstehende Mama mit zwei Babies unter zwei Jahren ein Experiment. Wenn wir am Samstag in München landen, hat Mikko den schweren Teil des Umzugs erledigt. Den Teil, an dem kein Ding mehr an seinem Platz ist, Möbel transportiert werden müssen und man sich von Würstchen und Kartoffelsalat ernährt. Wir nehmen noch etwas Abschied von Mallorca, unserem geliebten Strand und der Sonne.

Ich habe noch nicht ausgepackt. Unsere Koffer stehen auf dem Zimmer. Ein Raum mit tausend Schranktüren und Schubladen, Steckdosen ohne Kindersicherung und einem Bidet im Badezimmer. Die Kaiserin wird’s sicher mit Wonne nutzen. Sie wird ordentlich „Platsch“ machen, dabei das Appartement fluten, um sich dann den ultimativen Kick zu holen, wenn sie mit ihrer Kindergabel in der Steckdose herum stochert. Ich throne in meiner persönlichen kleinen Dystopie auf der Couch. Eine Insel in dem künstlichen See und stille verzweifelt gegen das schreiende Baby an. In mir gärt die Urangst mein kleines Baby könnte in der nächsten Woche verkümmern. Okay, sorgen kann ich mich später. Hier hat mein Geständnis eine wahre Flut der Hilfsbereitschaft ausgelöst.

Die Chefin des Service ist selbst Mutter und hat den richtigen Drive. Die Kaiserin kommt gar nicht erst auf den Gedanken, irgendwelche Fisimatenten zu machen, da sitzt sie schon im Kinderstuhl. Eine Serviette dient als improvisiertes Lätzchen. Das Buffet ist großartig. Ich komme allerdings nicht dazu, lukullisch aus dem Vollen zu schöpfen. Der Gemütszustand des Kultamupsis wechselt von gereizt zu hysterisch. Ich tanze mit „Sssssch-Lauten“ zwischen den Tresen umher und fülle relativ wahllos Teller mit Dingen, die der Kaiserin schmecken. Kein Mensch macht Platz oder lässt mich mal dazwischen. „Vielen Dank auch“, denke ich und drücke dem Kultamupsi einen Gurkenstick in die Hand. Keine Ahnung warum, aber das wirkt. Sie beruhigt sich und schläft ein.

Zurück am Platz nutzt die Kaiserin ein Stück Wassermelone als Waschlappen. Das Stück erinnert nach innigem Quetschen schon mehr an einen Melonenfladen. Ich find’s praktisch und sie rasend komisch. Das geht nicht nur ihr so. Der kleine Junge am Nachbartisch lacht sich scheckig. Er ist ungefähr in ihrem Alter. Seine Mama und ich teilen in einem kurzen Blickkontakt unsere Verzückung. „Meine Güte sind unsere Kinder gerade süß miteinander, oder!?! Ist das nicht schön?!? Und ist das nicht ein wundervoller Ort mit so reizenden Menschen?“ Wogen des Mutterglücks im Subtext. Die brechen jäh in sich zusammen, als ihr Blick auf den leeren Stuhl an unserem Tisch fällt. Ich beobachte, wie sie kurz am Buffet nach dem Papa Ausschau hält. Sie erfasst die Lage, wendet sich ihrem Partner zu und gibt einen kurzen Kommentar ab. Er mustert mich neugierig und fordert dann seinen Sohn auf, weiter zu essen. Ich bin raus, merke ich. Ich weiß zwar nicht wieso, aber dieser Eltern-Flirt endet genau hier. Vielleicht hat sie Angst, dass meine Rotzlöffel den neuen Super-Schnodder-Schnupfen ausbrüten, der ihr den Urlaub vermiest. Mit dem Gedanken tröste ich mich. Es bleibt ein fader Beigeschmack. Ich hab’ so eine Ahnung, dass das jetzt nicht der Grund war.

Der Abend verläuft weiter ereignislos. Im Zimmer habe ich Betten und Couch zu einer Liegewiese von ca. 5 Metern Breite zusammengeschoben. Somit ist der Raum in der Tiefe dann auch erschöpft. Für uns ideale Bedingungen. Unser Einschlafritual besteht aus einem Power-Walk von einer Dreiviertelstunde durch die Gartenanlagen des Ressorts. Blühende Rosmarinsträucher, kleine Tümpel mit Seerosen und Strelitzien. Nicht umsonst werden die auch Paradiesvogelblume genannt. Es ist wirklich wundervoll. Beide Kinder lassen sich anstandslos betten. Way to go! Ich kann das schaffen, denke ich. Sechs Tage noch! Dann wird es Nacht …

Wer noch keinen Nachtschreck erlebt hat, kann den Horror, den man in 20 Minuten mit seinem Kind durchleben kann nicht ermessen. Pünktlich zur Geisterstunde sitzt die Kaiserin plötzlich aufrecht im Bett. Die Augen weit aufgerissen. Ich spreche sie an. Ich frage, ob sie schlecht geträumt hätte. Damit beginnt es. Sie schreit. Sie schreit und schreit und schreit. Es dringt bis ins Mark. Immer wieder streckt sie ihre Arme nach mir aus und schlägt dann auf mich ein, wenn ich mich nähere. Wild, ja wie rasend windet sie sich auf dem Bett. Das Kultamupsi schreit mit. Entsetzen. Ich bin hilflos. Aus Angst, dass sie sich verletzt, halte ich sie fest. Ich nehme sie mit ins Badezimmer, wasche ihr Gesicht mit einem kalten Lappen in der Hoffnung, das bringt sie wieder zu sich. Der Schrecken geht weiter. Ich zeige auf unser Bild im Spiegel, dabei sage ich immer wieder: „Guck, da sind nur wir.“ Aber sie streckt ihre Arme weiter einer imaginären Person entgegen. Sie sieht uns nicht, obwohl ihre Augen weit geöffnet sind.

Das Baby schluchzt. Es weint nicht mehr. So weit ist es noch nie gekommen. Dieses Wimmern, das vielmehr Selbstberuhigung ist, als Hilferuf, es zehrt an mir. „Sie hat aufgeben“, denke ich. Mein Herz schmerzt. Da ist kein Papa, der helfen könnte. Ich halte meine große Tochter in den Armen und rede dabei auf mein kleines Baby ein. Die Kaiserin wird ruhiger. Ich fange an zu singen. Ihr Lied. So plötzlich wie es angefangen hat, ist es vorbei. Sie liegt in meinen Armen und schläft. Ich stille das Kultamupsi und auch sie kommt an meiner Brust zur Ruhe. Ich brauche dazu mehr Zeit und durchkämme das Internet nach Informationen. Gegen 4:00 Uhr falle ich zwei Stunden in unruhigen Schlaf. Dann wird es Morgen … Sechs Tage noch!