Hallöchen,

heute habe ich mal einen anonymen Gastbeitrag einer guten Freundin von mir, den cih hier veröffentlichen darf. Natürlich haben wir den Anonymität zuliebe alles Namen abgeändert und nennen meine Freundin einfach mal „Gabi“. Gabi hat ein aufregendes Leben hinter sich aber liest selbst, wie sie schwanger wurde:

Wild und frei! Ja, meine lieben Mädchen, das war ich, bevor ich Euren Papa kennenlernte oder so sah ich mich gerne. Dass es da manchmal einen feinen Unterschied gibt, werdet Ihr noch erfahren. Und das ist gut so. Aber ich greife vor. Also, Kinder, meine Zwanziger hatte ich damit verbracht, durch Europa zu ziehen und war schließlich in Hamburg gelandet.

Meine Beziehungen waren polyamourös, queer und offen. Fragen zu „Blow-Job-Techniken“ beantwortete ich genauso enthusiastisch wie zu agiler Software-Entwicklung. Sexpositiv und frauenbewegt gründete ich Porno-Zirkel und hielt neben „Laura Méritt“ Workshops auf Kunst-Festivals, die sich mit dem Thema „Sexualität“ auseinander setzten. Ich traf mich regelmäßig mit Freunden zu Orgien an entlegenen Orten Europas. Das Wort „Schlampe“ galt in meinen Kreisen als Kompliment.
Ich lebte zusammen mit meinem besten Freund und Kater in einer Wohnung mit Garten am Stadtrand. Unsere Beziehung war alles andere als leidenschaftlich, aber getragen von einem tiefen, grundlegenden Verständnis. Eigentlich lief das alles ganz okay für mich, so im Nachhinein betrachtet. Und dann tat ich etwas, was alle schockierte: Ich wurde schwanger von einem beinahe Fremden und ich entschied mich für das Kind.

Euer Vater war ein Abenteuer. Er ist es immer noch. Der längste und wildeste Ritt meines Lebens begann, wie viele meiner besten Geschichten, auf der Langen Reihe im Hamburger Stadtteil St.Georg. Honig, Granatapfel-Splitter und Gin. Überall Goldflitter. Es war Weihnachten. Ich war genervt von all der Heimeligkeit und der Enge. Ich wollte ausbrechen. Familienfeste sind nicht meine Stärke.

Wir trafen uns in einem kleinen, arabischen Restaurant. Ein Blinddate. Ich kam gerade vom Sport. Damals ging ich noch mehrmals in der Woche ins Fitness-Studio und hatte trotzdem ein schlechtes Gewissen, dass ich nicht täglich trainierte. Pfff!

Ich war verschwitzt, irgendwie gehetzt und fühlte mich nicht richtig angezogen. Und tatsächlich meinte ich einen Funken Enttäuschung in den Augen auszumachen, als wir uns gegenüberstanden. Ihr könnt so viel holistisch atmen, wie ihr wollt, Mädels! All das Hecheln und Erden Eurer Wurzelchakren wird Euch nicht vor diesem Moment essentieller Unsicherheit bewahren, wenn Ihr Euch der vermeintlichen Ablehnung eines fremden Menschen aussetzt. Und auch das ist gut so!

Jedes Mal, wenn ich Dir zusehe, meine große Tochter, wie Du Dich in der Sandkiste vor einem unbekannten Kind aufbaust, um ihm Dein Spielzeug anzubieten, bete ich, dass Du Dir diesem Mut bewahrst. Du machst das so gut!

Denn nur so begegnen wir einander. Nur so erfahren wir, dass manche Menschen bleiben. Euer Vater blieb und fing an, anzugeben, dass sich die Balken bogen. Er erzählte mir von der großen Welt, die er bereist und all den Erfolgen, die er eingestrichen hatte. Da war es an mir zu bleiben.

Mirko mochte meine Augen, glaube ich. Er sagt mir solche Sachen nicht, aber ich sehe wie er Euch ansieht. Ihr habt sie beide geerbt, meine blauen Strahler. Und wie er Euch so betrachtet, bin ich mir sicher, es waren meine Augen, die ihn zum Bleiben bewogen. Wir zogen weiter in eine Kneipe, in der der schwule Kellner mindestens so betrunken war wie wir selbst. Er war Pole und erzkatholisch. Ein ums andere Mal erklärte er Mirko, auf mich müsse er ganz besonders aufpassen. Fremdschämen und ein Hauch Koketterie mit dem ungeliebten Weibchen-Schema. Der Abend endete, indem ich Mirko küsste. Dann setzte ich mich ins Taxi nach Hause. Kurz darauf lud mich Mirko zu sich nach Hause ein. Lasagne und Wein. Jede Menge Wein.

In 15 Jahren, in denen ich sexuell aktiv war, hatte ich drei Mal auf ein Kondom verzichtet. Meine Pubertät in den 90er Jahren fiel zusammen mit den ersten „Safer Sex Kampagnen“. Der Film KIDS lief im Kino. Die AIDS-Problematik hat mich geprägt. Sex ohne Kondom war für mich ein Tabu. Warum ich’s an diesem Abend mit Mirko brach? Aus Neugier. Aus Übermut. Aus Lust. Aus Unvernunft. Danach lagen wir im Bett und sprachen über Kinder. Vielleicht war einfach die Zeit reif. Ich blieb bis zum nächsten Abend. Es fühlte sich selbstverständlich an.

Du, meine Kaiserin, warst als erstes ein Gedanke, der sich festgesetzt hatte. Ein „Was-wäre-wenn“, das nicht mehr verschwinden wollte. Oder warst Du doch mehr ein Gefühl, eine Unsicherheit, die blieb? Ein „Kann-nicht-sein“ und ein „Oder-doch“. Zwischen zwei Sitzungen mit der Finanz-Abteilung und der Entwicklung warst du dann ein Wort. Auf den Toiletten meines Arbeitgebers schaltete sich das Licht aus, wenn man sich eine Weile nicht bewegte. Ich muss ziemlich lange dort gesessen haben, um auf das Display des Schwangerschaftstest zu starren.
„Gleich“, dachte ich. „Gleich taucht das entscheidende Wörtchen auf.“ Gleich steht da: „Nicht schwanger.“ Ich saß da, bis es klopfte. Eine Kollegin holte mich zum nächsten Termin. Sie fragte mich, ob alles okay sei. Ich antwortete: „Ja.“ Das war es doch, oder? Ich hatte verhütet, war ganz sicher gegangen. Die Hormon-Spritze. So sicher wie nichts anderes. Das war ein Fehler. Das musste ein Irrtum sein. Das redete ich mir ein und fühlte doch, dass es keiner war.

Das Taxi brachte mich von der Arbeit zu Mirko. Wie wäre unsere Geschichte weiter gegangen, wenn ich erst nach Hause gefahren wäre? Was wäre gewesen, wenn Mirko nicht auf meine Nachricht reagiert hätte? Vermutlich wäre heute alles anders. Oder? Mir gefällt die Vorstellung, dass alles auf ein bestimmtes Ziel hinläuft. Der Gedanke, dass wir alle an dem Ort sind, an dem wir sein sollen. Dass alles gut ist, wie es ist.

Mirko saß mir gegenüber und blieb ganz ruhig. Dann strahlte er und umarmte mich. Es ist diese bedingungslose Akzeptanz, die ich an ihm so bewundere. Es ist die Energie, mit der er sich in alles Neue schmeißt und es ist der absolute Wille, das Seine zu beschützen, die ich von diesem Moment an liebte.
Es ist die Distanz, die er zu den Dingen einnehmen kann, die mich seitdem verunsichert. Es ist die Müdigkeit, die mich überkommt, wenn sich am Horizont schon wieder die nächste Änderung andeutet und mein Widerwillen mich vereinnahmen zu lassen, die es manchmal so schwierig machen.

Wir lernten uns in dem Maße kennen, in dem ihr gewachsen seid. Es gibt einfachere Voraussetzungen. Deine Geburt, Kaiserin, erlebten wir zu Dritt. Ich lebte damals wieder mit meinem Freund zusammen. Als Papas Eltern Dich zum ersten Mal in den Armen nahmen, war wieder alles in der Schwebe. Dann kam der Umzug, die zweite Schwangerschaft und die Auswanderung. Unsere Jüngste trägt unter anderem den Namen Hoffnung. Auch das ist kein Zufall. Es ist die Hoffnung, dass wir weiter wachsen, aneinander und als Familie, die uns trägt.